05.09.19 15:03

Italien: Die Möglichkeit einer Revolte

Rubrik: Soziale Kämpfe, Landkonflikte & Hungerpolitik, Migration Europa, Kommentar
Von: Milos Rau

Jesus ist ein Anführer, von seinen Anhängern angetrieben. Szene aus Milo Raus Inszenierung Foto: Thomas Erich Schneider/Fruitmarket (taz.de)

Seit drei Wochen inszeniere ich in Süditalien einen modernen Jesusfilm. Der Gottessohn wird vom kamerunischen Aktivisten Yvan Sagnet gespielt, seine Apostellinnen und Apostel sind Flüchtlinge, Kleinbauern, Aktivisten, Sexarbeiterinnen: eine revolutionäre Gegengesellschaft im Kleinen, wie sie in Süditalien im Windschatten einer von den Grosskonzernen und der Mafia kontrollierten Gesellschaft entstanden ist.

Obwohl wir die Bibel-Szenen in klassischen Kostümen spielen, geht es uns nicht darum, wie das Leben Christi „wirklich“ war: Es geht um die Parallelen zum heutigen Europa. Was uns interessiert, ist die Widersprüchlichkeit, die das Neue Testament seinen Figuren verleiht – und damit der imperialen Wirklichkeit Roms.

Warum verrät Judas Jesus? Aus Opportunismus oder weil er fürchtet, dass Jesus nicht radikal genug ist für die finale Konfrontation mit Rom? Woher kommt dagegen die Kraft von Maria Magdalena, die bis zum Ende zu Jesus steht? Warum verleugnet Petrus, der spätere Kirchengründer, den Propheten?

Der gasförmige Charakter imperialer Politik

Ich glaube, man versteht die Bibel nur, wenn man Atheist ist. Denn das Radikale am Neuen Testament ist, dass es die politischen Zustände der damaligen Zeit verwirrend ungefiltert abbildet, trotz aller späteren Korrekturen. Im komplexen Charakter von Pontius Pilatus etwa zeigt sich der gasförmige Charakter imperialer Politik.

Wie die heutigen Politiker Italiens ist Pontius Pilatus nur so stark wie die öffentliche Meinung. Zur Verurteilung von Jesus wird er durch Akklamation getrieben, er selbst hält sie für falsch. Jesus hingegen wird nicht als unfehlbar, sondern als völlig widersprüchlicher Mensch dargestellt. Er ist ein Anführer, der von seinen Anhängern angetrieben, verehrt, kritisiert und am Ende sogar verraten wird.

Ein historisch einzigartiger Versuch

Das eigentliche Kernstück unseres „Neuen Evangeliums“ ist deshalb die Frage nach der Möglichkeit einer Revolte in einer atomisierten politischen Lage. Mit einer „Revolte der Würde“ – einem Zusammenschluss von etwa 30 Organisationen – versuchen wir, eine breite Front gegen die Politik Salvinis zu schaffen. Es ist ein für Süditalien historisch einzigartiger Versuch: Erstmals kämpfen italienische Kleinbauern und Migranten Seite an Seite, erstmals beginnt eine politische Initiative gemeinsam in den wilden Flüchtlingslagern, in den Bauern- und Anwalts-Vereinigungen und den anarchistischen Gruppen.

Doch Widerstand kommt nicht nur von außen, sondern auch von innerhalb der Lager. Dass die Flüchtlinge rechtlos sind, angewiesen auf letztlich sinnlose, aber grosszügig mit EU-Geldern ausgestattete Projekte, ist das Geschäftsmodell vieler NGOs. Für sie ist Yvan Sagnet, so nah sie ihm politisch stehen mögen, der Feind – so wie einst der historische Jesus für die Pharisäer.

Vergangene Woche schliesslich beschleunigte sich die „Revolte der Würde“ unvorhergesehen. Eines der wilden Flüchtlingslager, in dem mehrere unsere Apostel wohnen, sollte geschlossen werden, natürlich ohne jede Alternative für die dort lebenden Menschen.

Ein moderner Pontius Pilatus

Wir organisierten einen Protestmarsch, nachts halfen wir mit, die Migranten in anderen leer stehenden Gebäuden unterzubringen. Bezeichnenderweise wurde die Schließung, die wir am Ende nicht verhindern konnten, von einem Bürgermeister des Partido Democratico und dem Lega-Innenminister Salvini initiiert – zwei Parteien, die sich feindlich gegenüber stehen. Als moderne Pontius-Pilatus-Figur hatte der Bürgermeister für die Schließung einen einzigen Grund: dass er die „Verantwortung für die Sicherheitslage“ nicht übernehmen wollte. Während Salvini der Polizei und der Armee für den „Beginn einer Kampagne der Auflösung von wilden Lagern in ganz Italien“ zujubelte, entschuldigte sich der Partido-Democratico-Politiker bei den Betroffenen.

Doch das war nur, was an der Oberfläche sichtbar wurde. Wie sich herausstellte, hatte die Aktion einen sehr konkreten wirtschaflichen Grund: die dort lebenden Farmarbeiter mussten in andere Gebiete vertrieben werden, da dort die Ernte ansteht. Der Kampf für Würde und Gerechtigkeit hat gerade erst begonnen.

Der Schweizer Regisseur Milo Rau ist Intendant des Belgischen Stadstheaters in Gent. Zurzeit inszeniert er in Südtalien ein „Neues Evangelium“. Dazu gehören auch Proteste gegen die Räumung eins Lagers von MigrantInnen. Er berichtet darüber regelmäßig in der taz. Quelle: taz 4.9.2019