25.06.20 20:17

Falwine Sarr: „Afrotopia“

Rubrik: Rezension
Von: mLungu/Rezzo

Der bereits 2016 auf Französisch und 2019 in deutscher Übersetzung erschienene Essay „Afrotopia“ des Musikers, Romanciers und Wirtschaftsprofessors an der Universität von Saint Louis/Senegal, Falwine Sarr, ist eine der in den letzten Jahren meistbeachteten Veröffentlichung des Postkolonialismus.

Auch im deutschsprachigen Feuilleton wurde das Werk breit besprochen, wobei das Spektrum der Meinungen von wohlwollendem Interesse bis zu völliger Ablehnung der von Sarr aufgestellten Thesen reichte.

Was daran weckt das positive Interesse einer afrophilen Öffentlichkeit?

Im Wesentlichen die energisch vorgetragene Absage Sarrs an den in Afrika noch immer dominierenden (west-)europäischen „Diskursen“, die die afrikanischen Menschen in einer negativen Dauerschleife hielten, und dem Plädoyer für eine originär afrikanische „Revolution der Paradigmen und Praktiken“.

 

Der Afrikanist Andreas Eckert fasst den Ausgangspunkt Sarrs wie folgt zusammen:

 

 

„Bei der Unabhängigkeit der afrikanischen Länder vor nun beinahe sechs Jahrzehnten habe es sich letztlich nur um eine formelle Anerkennung der Souveränität gehandelt. Die mit dem Kolonialismus verknüpften tief eingegrabenen Herrschaftsformen zum Verschwinden zu bringen sei jedoch ein langer Prozess, in dem auch die Sprache, das Wissen, der Blick auf sich selbst, die Mentalitäten und die Psychen dekolonisiert werden müssten. Kurzum: Afrika sollte nicht länger den Westen kopieren, vielmehr endlich seine Minderwertigkeitskomplexe hinter sich lassen und ein eigenes "afrikanisches Zivilisationskonzept" entfalten, das sich frei mache von einer kapitalistischen Entwicklungsideologie, die mit der Kultur des Kontinents, so Sarr, auf Kriegsfuß stehe.

 

Afrikanische Politiker und Eliten hätten sich lange wie leicht minderbemittelte Schüler der westlichen Nationen verhalten, die auf das Lob der Lehrer hoffen. Angesichts der "Sinnkrise einer technizistischen Gesellschaft" sei es nun an der Zeit, dass sich der mit Rohstoffen üppig ausgestattete Kontinent auf seinen verschütteten geistigen Reichtum besinne. Dabei müsse Afrika, dessen Bewohner bislang am wenigsten in das Ökosystem eingreifen, aus den Fehlern der anderen lernen. Und da sich die Welt den afrikanischen Ressourcen zuwende, habe Afrika sogar die Gelegenheit, eine zivilisatorische Wende durchzusetzen: "durch die Weigerung, die tradierten Modelle der Wohlstandsproduktion und -akkumulation zu verstetigen". (FAZ, 26.02.2019)

 

 

Kann der Kritik am west-europäisch-kapitalistischen Entwicklungsmodell noch zugestimmt werden, so sorgen die Vorstellungen Sarrs für eine afrikanische Gegen-Utopie doch für einiges Stirnrunzeln.

 

Schon die von ihm genannte Voraussetzung seiner Utopie-Überlegungen wirft Fragen auf: Gesellschaften würden sich zunächst imaginär konstituieren (S. 12). Hier wird quasi exemplarisch die Kritik an die Vertreter*innen des Postkolonialismus bestätigt, wonach es sich um eine nicht materialistisch untermauerte Theoriebildung handelt.

Sarr nennt für diese Behauptung kein historisches Beispiel – das es auch nicht gibt. Gesellschaften entstehen aus Kompromissen als Folge von sozialen Kämpfen. Folgerichtig sagte der junge Marx: Wir wollen nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern aus der Kritik der alten Welt eine Neue schaffen.

Interessant ist, dass Sarr sich hier auf Cornelius Castoriadis bezieht, auf den sich ja auch die frühen Linksradikalen (50er und60er Jahre, Operaist*innen und andere) bezogen haben.

Ob er Castoriadis richtig rezipiert hat, kann hier nicht überprüft werde, doch gibt es im Operaismus keinen Ansatz, der davon ausgeht, Gesellschaften würden sich zunächst imaginär konstituieren ...

Dreißig Jahre nach dem Erscheinen von Huntingtons Kampf der Kulturen übernimmt Sarr dessen Sichtweise der verschiedenen „Kulturen“ (ohne Huntington überhaupt zu erwähnen), als ob es nie eine Auseinandersetzung um dieses Konstrukt gegeben hätte. Dass er dabei für eine große Zahl afrikanischer Intellektueller steht, macht die Sache nicht besser.

Folgerichtig versteht er „die Nation“ oder auch „Afrika“ als ein Subjekt, dass bestimmte Dinge tun oder lassen kann.

Das zeigt nochmal, wie grundlegend zentral die Sichtweise vom „Kontinent der Kämpfe“ ist (s. izindaba 07.04.2017). Kämpfe kommen bei Sarr im Wesentlichen nur zwischen Kulturen vor. Die Gewalt, die von afrikanischen Akteuren anderen Afrikaner*innen angetan wurde, bagatellisiert er; genau genommen erwähnt er sie nicht einmal: Die Sklav*innen wurden von Afrikanern eingefangen, der Kolonialismus hätte ohne die afrikanischen Kollaborateure nie ein Bein auf den Boden bekommen (im wahrsten Sinne des Wortes) und alle postkolonialen Regimes werden von afrikanischen Statthaltern des Neo-Imperialismus verwaltet.

Dazu passt, dass er sich positiv auf die Négritude-Bewegung bezieht, die wesentlich durch den verstorbenen senegalesischen Despoten Leopold Senghor geprägt war.

Stolz behauptet er, dass in der Geschichte der afrikanische Kontinent stets mit Vorstellungen von Reichtum verbunden war (S. 50). Wo Reichtum ist, ist aber auch Ausbeutung und Gewalt, das sollte nicht vergessen werden. Die Pharaonen, die Königin von Saba oder Kankan Musa waren doch keine „Guten“, nur weil sie afrikanische Despot*innen waren. Und auch nicht, weil sie an die Brutalität eines Hernán Cortés oder Francisco Pizarro nicht heranreichten.

Sarr sieht die „westliche Entwicklung“ als ein wirtschaftliches, vor allem aber als ein kulturelles Projekt, „das aus einem besonderen Universum hervorgegangen ist“, historisch entstanden „im Hinblick auf die Befriedigung der Bedürfnisse der westlichen Gesellschaften“ (S.25f.).

Einerseits ist dieses Universum aber gar nicht besonders: Ausbeutung und Gewalt ist ubiquitär. Das Besondere ist doch eher, dass die extreme Brutalität der Ausbeutung wie der Gewalt gekoppelt mit der Diversifizierung von Herrschaftsformen (Stichworte wie Imperialismus, Rassismus, Sexismus) enorm erfolgreich war in der Unterwerfung der Anderen. Wäre dies nicht der Fall, wäre „der Westen“ an dem permanenten Zwang, kämpfende soziale Gruppen zu integrieren, und um das durchzusetzen, immer neue andere soziale Gruppen zu unterwerfen, schon längst gescheitert.

Andererseits ist Europa kein „kulturelles Projekt“. Ein Beispiel: Sarr stellt einem afrikanischen Kulturkonzept (S. 175) eine europäische oder deutsche Philosophie entgegen. Doch was soll das sein, eine „deutsche Philosophie“? Etwa „deutsche Philosoph*innen“ wie die völkermordkompatiblen Hegel, Nietzsche oder Heidegger? Oder Leute, deren Wurzeln im Judentum liegen, wie bei Marx, Luxemburg, Ahrendt oder der Frankfurter Schule, die, falls sie nicht ermordet wurden, aus dem Land vertrieben wurden? Als einzige Gemeinsamkeit bliebe die Sprache – doch im Exil ging auch das verloren. Ist das „deutsche Philosophie“?

Die Ökonomie als wissenschaftliches Fach verklärt Sarr als „Ergebnis eines Prozesses, der als kulturell bezeichnet werden kann“ (S. 71). Dagegen ist die Ökonomie als wissenschaftliches Fach eher die Lehre von der Effektivierung von Ausbeutung, die angesichts der großen Probleme entstand, die im 18. Jh. vor allem die Kämpfe der Bäuer*innen in Britannien und Frankreich und die Kämpfe der Sklav*innen in den britischen und französischen Kolonien den Herrschenden in den beiden Ländern bereiteten. Gewiefte Männer versuchten das Projekt der Ausbeutung von Grund auf zu erneuern, weil sie einsahen, dass ihr altes Modell an Grenzen gestoßen war. Inwieweit das etwas mit „Kultur“ zu tun hat, ist nicht nachvollziehbar Wenn überhaupt, hat das nur mit einer Kultur der Herrschenden zu tun, aber sicherlich nicht mit einer Kultur der Bäuer*innen oder gar der Sklav*innen. Ganz im Gegenteil: deren Kulturen sollten zerstört werden und wurden weitgehend zerstört.

Folglich irritieren Sätze wie: „Eine fruchtbare Verbindung von Ökonomie und Kultur wäre durch eine bessere Verankerung der afrikanischen Ökonomien in den dynamischen Werten ihrer Soziokulturen zu erreichen“ (S. 87). So wie angeblich in Europa durch eine Verankerung der Ökonomien in den dynamischen Werten der Soziokulturen eine fruchtbare Verbindung von Ökonomie und Kultur erreicht wurde?

Eine fruchtbare Verbindung von Ökonomie und Kultur scheint Sarr bei der senegalesischen Sekte der Muriden auszumachen. Kein Wort über deren Arbeits- und Genderbeziehungen, kein Wort über Armut und Reichtum. Dafür Auslassungen über das angebliche Ziel „qualitativ bedeutsame Beziehungen zwischen den Individuen zu stiften“. Mit protestantischer Ethik! (S. 85). Zweimal bezieht er sich positiv auf Ruanda: ihn freut, dass die ruandische Armee mit „gemeinschaftlichem Engagement“ (Imihigo) in den Krieg zieht und die Kämpfer - wie unsere Opas - danach streben, mutige und heldenhafte Taten zu vollbringen (S. 126). Und die Hauptstadt Kigali lobt er als „geordnete und saubere Stadt“, der allerdings „ein wenig Verrücktheit und Improvisation“ fehle (S. 140). Dass die Ordnung und Sauberkeit repressiv gegen die Armen durchgesetzt wird (wie es überall auf der Welt versucht wird) – kein Thema.

Sarr will seine Überlegungen nicht abschließen, ohne ein Nachdenken über ihre praktische Umsetzung an den afrikanischen Universitäten (S. 116ff.). Dabei ist er ganz Hochschullehrer, Teil der Institution. Studierendenbewegungen, Rhodes must fall, Ghandi must fall, Fees must fall oder die Universität von Abahlali – all das, wo wirklich Leute versuchen, eine andere Universität umzusetzen – kein Thema.

Bei dem endlosen Namedropping bezieht sich Sarr u.a. positiv auf den Nazi Heidegger: Jeder grundlegende Wandel habe zur Voraussetzung, dass die Sterblichen sich in ihrem eigenen Sein einrichten (S. 91). Dieses Zitat zeigt bei aller Unterscheidlichkeit die Wesensverwandtschaft von Heideggers Nazi-Ideologie mit Sarrs Afrika-Ideologie, bleibt aber eine Randbemerkung in einem Meer von Randbemerkungen.

 

In Afrika gab es auch schon vor 2016 so viele interessante und unkonventionelle Widerstands- und gegenkulturelle Bewegungen – mensch denke nur an den Aufstandszyklus von 2010-2012 – auf deren Erfahrungen sich Intellektuelle wie Sarr bei ihren strategischen und konzeptionellen Überlegungen konkret beziehen könnten und nicht nur kurz aufrufen.

Ein Grund dafür, dass das in „Afrotopia“ nicht geschieht, ist vielleicht, dass diese Bewegungen nicht in ein (letztlich reaktionäres) afrozentristisches Konstrukt passen, das sich auf die mehr oder weniger imaginierten Werte vorkolonialer Gesellschaften bezieht, und das in der Zeit der nationalen Unabhängigkeitsbewegungen in den 50er und 60er Jahren in Konzepten wie der Négritude seine Vorläufer hatte.

Denn dafür sind die aktuellen emanzipatorischen Bewegungen in Afrika viel zu kosmopolitisch orientiert. Und deswegen wird abgesehen von der von Sarr genannten Kritik am Kapitalismus die von ihm zur Diskussion gestellte Utopie von Afrika wohl kaum über die Feuilletons hinaus kommen.

 

 

Felwine Sarr. Afrotopia; deutsche Übersetzung von Max Henninger; Matthes & Seitz Berlin, 2019, 20 Euro (franz. original: Paris 2016)

(auch bei der Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich)