25.08.14 17:37

Liberia: Widerstand gegen Seuchenpolitik

Rubrik: Soziale Kämpfe, Urbane Konflikte, Liberia
Von: izindaba

Das Militär riegelt West Point ab

In West Point, dem größten Slum der liberianischen Hauptstadt Monrovia, sind am 20. August gewaltsame Proteste ausgebrochen, nachdem die Regierung das gesamte Viertel unter Quarantäne gestellt hatte. Aufgebrachte junge Männer sollen Steine nach den Einsatzkräften geworfen haben und auf Stacheldraht-Barrikaden geklettert sein. Einigen soll die Flucht aus dem Ghetto geglückt sein.

Soldaten fuhren daraufhin durch die Nachbarschaft und brachten die Bewohner des Viertels zurück. Neben Tränengas sollen auch Schusswaffen eingesetzt worden sein, von mehreren Verletzten wird berichtet.


In West Point leben etwa 75.000 Menschen. Außer Regierungsangestellte, Armeemitglieder und Mitglieder von internationalen Hilfsorganisationen darf niemand das abgeriegelte Gelände verlassen. Damit ist der Gelderwerb für viele Bewohner unmöglich, zugleich steigen die Preise für Nahrungsmittel und anderes, das Trinkwasser wird knapp.

Die Einwohner_innen kritisieren vor allem, dass sie vor der Verhängung der Quarantäne nicht informiert worden seien und fürchten um die Lebensmittelversorgung im Viertel. "Die Preise einiger Dinge haben sich seitdem verdoppelt", berichtete ein Anwohner Zeit online am Telefon.


Dabei ist umstritten, ob West Point überhaupt stark vom Ebola-Fieber betroffen ist. In West-Point sei noch keiner am Virus gestorben, und wenn es Infizierte dort geben würde, niemand hätte sie gesehen, zitiert Radio France internationale Anwohner, die die Behauptung der Regierungstellen in Frage stellen, die Vorstadt werde wegen einer Vielzahl von Erkrankungen abgeriegelt.


Wenn es tatsächlich viele Ebola-Fälle in den Slum geben würde, würden die Menschen dort mit der lebensbedrohlichen Seuche allein gelassen. Was es nicht gibt, sind sanitäre Anlagen, Duschen, sauberes Wasser. Viele verrichten ihr Geschäft am Strand. In den langen Schlangen für die Essensausgabe drängen sich schwitzende Menschen aneinander. All das macht es dem Virus leicht, neue Opfer zu finden.


Unumstritten ist, dass die Regierung gezielt Ebola-Infizierte/ bzw. -Verdächtige aus anderen Stadtteilen in Quarantänestationen nach West Point bringen lies. Dagegen gab es laut Telepolis schon seit Tagen Widerstand. Es wurde der Verdacht ausgesprochen, dass die Kranken in den Armenvierteln konzentriert werden sollen, um die Quartiere der Reichen möglichst von der Epidemie zu verschonen.


Bereits am Wochenende vor der Abriegelung des Viertels war in West Point eine zur Quarantänestation umgewandelten Schule gestürmt worden, in der Ebola-Erkrankte aus anderen Stadtteilen untergebracht waren. Dort wurden aber auch Anwohner_innen eingesperrt, bei denen nur der Verdacht bestand, dass sie an Ebola erkrankt sind.

Angehörige befreiten ihre eingesperrten Verwandten. Das Gesundheitsministerium sprach anschließend auf einer Pressekonferenz von 30 Menschen, die sich in der Station aufgehalten haben. Alle hätten Anzeichen von Ebola aufgewiesen, aber es hätte keine bestätigten positiven Fälle gegeben.


Auslöser der Befreiungsaktion sei laut Telepolis die Weigerung des Wachpersonals gewesen, Angehörigen den Zutritt zu gestatten, die zwei der Festgehaltenen Essen bringen wollten. Die beiden wurden als erste befreit. Danach nutzten auch die anderen das Chaos zur Flucht. Die notdürftig errichtete Isolierstation wurde geplündert.


Dass Ebola sich eindämmen lässt, wenn genug Mediziner, Helfer und Wissen zusammentreffen, zeigt sich gerade in Nigeria. Im bevölkerungsreichsten Land des afrikanischen Kontinents tauchte das tödliche Virus Ende Juli in der Großstadt Lagos auf. Erkrankte und Infizierte sowie alle rund 200 Menschen, die Kontakt zu ihnen hatten, wurden rasch in Quarantäne genommen. Hier ist der Ausbruch nun wohl vorüber. Auch für die europäischen Metropolen wird abgewunken: Keine Gefahr!


Nach Jahren des Krieges und des „Wiederaufbaus“ in Zeiten des Neoliberalismus gibt es in Liberia kein funktionierendes Gesundheitssystem. Ein Mediziner kommt auf ca. 70.000 Einwohner_innen. Auf eine Großstadt wie Dortmund runtergerechnet wären das sieben Ärzt_innen für die ganze Stadt.

Dass Tausende Menschen jetzt ohne Schutz vor Ansteckung und mit Gewalt im Seuchengebiet ihrem Schicksal überlassen werden, verstärkt das Misstrauen, das viele Liberianer ohnehin haben – gegenüber der Regierung und ausländischen Ärzten.


Telepolis 19.8.2014 + 22.8.2014

ZEIT online 20.8.2014 + 22.8.2014

http://www.rfi.fr/afrique/20140822-liberia-west-point-quarantaine-commence-durer/ 22.8.2014

http://www.reuters.com/article/2014/08/20/us-health-ebola-liberia-protests-idUSKBN0GK10G20140820 20.8.2014